Neufundland, ich komme

Sarah Martin schaut gespannt aus dem Flugzeugfenster. Nachdem sich die Westküste Neufundlands unter einer dichten Wolkendecke versteckt hatte, klart es nun immer weiter auf. Sie fliegen über herrlich unbewohntes Land. Keine Strasse weit und breit. Die wenigen kleinen Siedlungen direkt an der Küste sind nur per Schiff zu erreichen. Eine Tundralandschaft, vermischt mit kleinen spärlichen Wäldchen, überzieht alles hier. Weiter nördlich werden die Wälder dichter, grüner auch. Herrliches Karibuland, denkt sie. Und, dass sie immer noch keins gesehen hat. Die Küste wird zerklüfteter, es gibt wieder mehr Siedlungen, die per Strasse zu erreichen sind.
Sie fliegen St. John’s heute von Süden her an. Schade, dass sie auf der Pilotenseite sitzt, sie hätte gern einen Blick auf all die Halbinseln geworfen, die wie Finger in den Atlantik ragen. Von oben wirkt die Burin Halbinsel gar nicht so breit. Sie erinnert sich gern an das wunderschöne Bed and Breakfast nahe Grand Bank, wo Abbie, die Besitzerin, abends immer noch ein selbst gebackenes Betthupferl brachte. Ihre Zimtschnecken sind unerreicht, an Größe und an Geschmack.
Schon erreichen sie die Avalon Peninsula.
Die Durchsage zum Landeanflug ertönt zeitnah. Sarah lehnt sich zurück. Lächelt. Es ist immer wieder wie nach Hause kommen, denkt sie mit einem wohligen Gefühl. Sie mag das Raue der Landschaft, das viele als einsam empfinden. Ein einzelnes Haus im Nirgendwo, auf einem der Felsen, natürlich am Wasser, ein buntes Holzboot davor, das war ihre Vorstellung von Neufundland. Das trägt sie in ihrem Herzen.
Sie liebt das Maritime, das sie allenthalben umfängt. Die bunten, kleinen Fischerhütten überall an der Küste hier, die vielen kleinen Holzboote. Das Getöse der Wellen beruhigt sie, befriedet ihre Seele. Sie mag das Wetter hier nicht immer, liebt es aber, wenn der morgendliche Nebel sich langsam vom Meer her übers Land schiebt. Das Mystische, das er so oft mit sich führt, regt ihre Phantasie an und ihre Fotoleidenschaft. Genau so aber freut sie sich, wenn die Sonne am azurblauen Himmel leuchtet und sich in all dem vielen Wasser spiegelt. Ganz besonders aber liebt sie die wundervollen Wolkenformationen, die es hier so oft zu bestaunen gibt. Vom zarten, luftigen Schäfchenwölkchen bis hin zu den dramatischen Formationen, die schwer und träge über das Land ziehen und oft genug tagelangen Regen ankündigen.
Sie setzen ziemlich spät auf der Landebahn auf, der Pilot muss rabiat bremsen. Neufundland, du hast mich wieder, denkt sie fröhlich. Das wird toll werden. Frühling auf Neufundland ist eine so schöne Jahreszeit.

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„Willkommen in Newfoundland.“

Erklärt Sarah und schwingt eine kleine Kanada Fahne. „Leider haben wir 2 Stunden Verspätung, so dass wir den ursprünglich angedachten Plan nicht abfahren können. Wir haben zwei Möglichkeiten, naja drei.“ Sie sieht in die Runde. „Die Erste, wir tun nichts, fahren ins Hotel und gut ist. Die Zweite, wir fahren nach Cape Spear, die Dritte nach Signal Hill. Letzteres ist nicht ganz so weit, die zweite Möglichkeit ist sicher spannender. Falls wer nicht mitfahren will, ich kann Euch auch gleich am Hotel absetzen. Noch ist das Wetter recht annehmbar. Aber das kann sich hier jederzeit ändern. Ich hole jetzt unser Auto und komme dann wieder hierher, euch abholen. Ihr könnt euch gerne beraten.“ Sie nickt nach rechts. „Michael, da du Zweitfahrer werden willst, müsstest du bitte mitkommen.“

Eine halbe Stunde später fährt sie mit dem Wagen vor dem Flughafengebäude in St. John’s vor. Parkt den Wagen, steigt aus. Michael klettert ebenso aus dem Auto. „Ich bin gespannt, ob du mich das Schiff auch mal fahren lässt.“
Sie lacht. „Na mal sehen, wie du dich so führst. Als ich das erste Mal vor so einem riesigen Auto stand, habe ich mir vor Lachen fast in die Hosen gemacht, weil ich nicht wusste, wie ich da einsteigen soll. Ich bin etwas über einssiebzig und kam nicht im ersten Anlauf in das Auto. Das sah sicherlich ziemlich beknackt aus.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei dir irgendetwas beknackt aussieht.“
Sie lacht. „Doch… .“ Das Lachen bleibt ihr schon gleich im Hals stecken. „Kommt ihr auch schon?“, werden sie barsch von Pia empfangen. „Wieso dauert das so lange?“
„Naja, wir sind keine VIPs. Wir müssen schon warten, bis wir dran sind. Und, es waren gerade mal 35 Minuten.“
„Das hättest du uns doch vorher sagen müssen.“
Frank schüttelt den Kopf. „Ist schon gut. Das ist ja nicht die Schuld von den Beiden. Du weißt doch selbst auch, wie lange es am Schalter der Mietwagenfirmen dauern kann.“
Sarah nickt, geht aber nicht weiter darauf ein, fragt stattdessen. „Und, wie habt ihr euch entschieden?“
„Ich möchte gerne ins Hotel.“, erklärt Lars.
„Okay. Und Pia, willst du mit oder soll ich dich auch am Hotel absetzen?“

Cape Spear

„Cape Spear ist der östlichste Punkt Nordamerikas. Näher bist du hier nirgendwo an Europa dran“, erklärt Michael nach hinten ins Auto. „Der Leuchtturm hier ist der zweitälteste Neufundlands, der älteste, der noch in Betrieb ist. Es handelt sich um eine National Historic Side. Im Leuchtturm gibt es ein tolles kleines Museum, aber das hat jetzt noch nicht offen.“
„Woher weißt du das?“, fragt Pia mit einem leicht arroganten Unterton. „Liest du das vor?“
„Nein, ich habe mich mit den Dingen befasst. Ich wollte gerne hierher. Also habe ich darüber etwas gelesen. So weiß ich zum Beispiel auch, dass man hier eine Festungsanlage gebaut hat, um während des 2. Weltkrieges nach deutschen U-Booten Ausschau zu halten.“
„So, wir sind gleich da. Es ist sicher nicht voll jetzt. Der Leuchtturm ist, wie gesagt, noch saisonbedingt geschlossen. Ich denke, wir lassen uns locker eine Stunde Zeit. Es ist ein guter Platz, um nach Walen Ausschau zu halten. Die Küste hier ist wirklich rau, wild und ungebändigt. Vor der Steilküste liegen jede Menge Felsen. Wer Wellen mag, kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten, denn die krachen hier ungebremst an die Küstenlinie.“ Sie zieht den Schlüssel aus dem Schloss. „Das Wetter ist ja nicht mehr so prickelnd, aber dafür rauschen die Wellen schön. Bitte, ich möchte, dass ihr euch an die Absperrungen haltet. Es dauert 40 Minuten, bis die Küstenwache da ist, falls die Wellen euch mitnehmen.“
„Woher weißt du das denn?“
„Ach Pia.“ Michael schüttelt den Kopf. „Nimm es doch einfach so hin. Und wenn du im Hotel bist, kannst du es ja googeln.“
„Ein Ranger hat es mir letztes Jahr erzählt, als ein Mann meinte, unbedingt mit einer Welle auf du und du sein zu müssen. Zum Glück ist er nicht reingefallen. Das Wasser ist an sich schon so kalt, dass du nur wenige Minuten hättest, um zu überleben, aber die Kraft der Wellen ist zerstörerisch. Es haut dich dann gegen die Felsen und was dann noch übrig bleibt, kannst du dir ausmalen.“ Sie deutet nach hinten. „Schaut mal. Da kommt der Nebel mit großen Schritten von Süden heran. Das Lighthouse ist schon gut eingehüllt. In einer Stunde könnte es hier schon ziemlich dicht sein. Cape Spear übrigens steht im Jahresdurchschnitt mehr unter Nebel als in Sonne. Deswegen ist es immer gut, wenn man die Chance hat und zweimal hierher kann, um es unterschiedlich zu erleben. Viel Spaß!“

Michael grinst. „Danny ist einfach immer wieder wunderbar gut gelaunt. Die freut sich einfach an Allem und Jedem.“
Sarah nickt. „Ja, eine Frohnatur. Können wir auch gut gebrauchen. Die beiden anderen sind eher schaumgebremst. Bei Lars weiß ich es noch nicht, wie es sich mit ihm so ausgeht. Er hält sich noch sehr zurück.“
„Ach, Lars ist eher der Ruhige. Den wirst du kaum merken.“
Sie sieht erstaunt nach rechts. „Kennst du den so gut?“
„Ist ein guter Freund. Ich kenne auch seine Frau. Und bei Pia, die bekommt sich wieder in den Griff. Die ist anfangs immer etwas zickig, aber das legt sich. Vielleicht will sie Terrain abstecken.“
Sarah schüttelt instinktiv den Kopf. „Terrain abstecken? Wo sind wir denn hier? Ich will ihr doch nicht ans Leder, ich bin die Reiseleiterin. Wenn sie Probleme hat, andere anzuerkennen, sollte sie so eine Reise nicht in dieser Form machen, oder?“
Er sieht sie an. „Sarah, nimm das doch nicht immer persönlich. Da hast du dich echt nicht geändert. Wir hatten all die Jahre nie Probleme. Meinst du denn, wir würden sonst zusammen verreisen? Wir müssen uns erst einmal alle in dieser Gruppen finden. Gib uns die Zeit. Außerdem, wir sind erwachsen. Autorität funktioniert hier nicht. Warte doch einfach mal ab, das wird schon.“
Sarah zuckt die Schultern. „Du kennst sie besser als ich. Nur Michael, ich bin gerne für Hinweise und Tipps dankbar, aber bei einer vierzehntägigen, vollgepackten Reise zu sagen, gib uns Zeit, halte ich nicht für den gehbaren Weg.“
„Das mag sein Sarah, ohne dir zu nahe treten zu wollen, wir sind die Gruppe, die dich gebucht hat. Es geht nicht nach deinen Vorstellungen. Du sollst uns Neufundland näher bringen, auf eine zu uns passende Art.“
Sie schluckt, meint dann leise. „Okay, gut zu wissen. Ich gehe noch eben schnell ein Video drehen. Wir sehen uns am Auto.“
Er sieht ihr überrascht nach. Nanu? Er wusste, dass es nicht leicht werden würde, nach der langen Zeit wieder so intensiv auf Sarah zu treffen. Er hatte sich verschiedene Szenarien ausgemalt in den letzten Tagen. Keines allerdings war so spröde gewesen, wie die Realität jetzt. Vielleicht braucht es einfach auch hier noch etwas Eingewöhnungszeit. Er nickt zu sich selbst. Ja, so wird es sein. Er schaut sich um. Schade, dass es so neblig geworden ist, man sieht kaum bis nach unten auf das Wasser. Es hat dennoch etwas, diese neblige Stimmung. Dieser Hauch Mystik gefällt ihm gut und macht wohl auch viel von Neufundland aus. Schade, das alles noch geschlossen hat. Aber sie haben ja am Schluss noch Zeit in St. John’s. Da fahren sie sicher noch einmal hier her. Er macht sich wieder auf den Weg zurück. Pia trippelt schon am Auto und wartet frierend. Günther steht etwas abseits und fotografiert noch. „Wieso seid ihr nicht etwas hin und her gelaufen? Interessiert euch das hier nicht?“
Pia mustert ihn, als ob er etwas echt Schräges von sich gegeben hat. „Das Wetter ist ätzend, da laufe ich doch nicht hier herum. Schau dir die lange Treppe an, die da hoch führt. Wozu sollte ich die hochsteigen? Man sieht ja eh nichts. Außerdem, es ist spät. Ich will ins Hotel.“
„Pia, es ist gerade mal 18 Uhr.“
„Na und?“
Er schüttelt den Kopf. „Mit der Laune werden wir es sicher sehr schön haben die nächsten zwei Wochen.“

Sarah wartet auf Danny, die gerade den Trail vom Leuchtturm herab läuft. Was man jetzt durch den Nebel nicht so gut erkennen kann, es gibt den eigentlichen Leuchtturm und noch einen zweiten Turm. Alles ist gut durch Trails und Zäume miteinander vernetzt. Im dicken, quadratischen Leuchtturmhaus, mit der kleinen rotweißen Kuppel auf dem Dach, befindet sich das Museum. Nur wenige Meter davon entfernt beginnt ein weißer Holzzaun, der neugierige Leute vor zu nahem Herangehen an die gefährliche, felsige Steilküste abhalten soll. Der zweite, schmalere Turm, mit dem Nebengelass, ist fast völlig in der Nebelsuppe verschwunden. Immer wieder durchschneidet das Nebelhorn die Stille des Abends. Unter ihnen knallen die schäumenden Wellen mit wildem Getöse auf die Klippen. Der Wind frischt auf. Sie winkt Danny zu, zeigt auf die Uhr. Danny fuchtelt mit den Armen, was wohl heißen soll, ja, ich komme. Sarah schmunzelt. Danny und Frank passen auf den ersten Blick so gar nicht zusammen, so unterschiedlich sind sie. Frank, eher ernst und besonnen, immer überlegt, Danny die Frohnatur, immer gut gelaunt, zappelig, sprudelnd. Und doch scheinen sie sich gut zusammengerauft zu haben. Er hat sie immer im Blick, hilft ihr unaufdringlich, sie heitert ihn auf, wenn er zu sehr ins Grübeln verfällt. Sie halten oft Händchen, umarmen sich häufig. Er lächelt, wenn sie zu sehr aufdreht, küsst sie und nimmt es hin. Sie nickt artig, wenn er sich in langen Erklärungen verliert. Beide sind sehr angenehm als Begleiter.
Ihr Blick fällt auf Michael, Pia und Günther, die schon am Auto stehen. Pia sieht nicht glücklich aus. Sie war weder am Leuchtturm noch unten an den Felsen, um den Wellen zuzusehen. Sie wird sie sicher gleich äußerst freudig empfangen. Sarah überlegt, ob sie es schon bereuen soll, die Reisegruppe übernommen zu haben. Vor allem nach der uncharmanten Ansage von Michael eben, schüttelt den Kopf: „Nein, du lässt dir nicht die Stimmung verderben. Orientiere dich an dem, was dich weiterbringt.“, hatte ihre Oma immer gesagt. „Nicht an dem, was dich ausbremst. Es ist deine Entscheidung, nicht die der anderen.“

Fortsetzung folgt…

(Text & Bilder: Sansonett Bärli)




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Anreise Neufundland
Neufundland ist nur per Flugzeug oder Fähre überreichen. Die beiden Hauptflughäfen sind St. John’s und Deep Lake an der Westküste. Zwei Fähren fahren zwischen Nova Scotia und Newfoundland:

  • North Sidney, NS – Channel-Port-Aux Basques, NL
  • North Sidney, NS – Argentia, NL

Eine Fähre zwischen Labrador und Newfoundland:

  • St. Barbe, NL – Blanc Sablon, QC

Reisetipp
Cape Spear ist ein 8.7 Kilometer langer, moderat besuchter Hin- und Rückweg in der Nähe von St. John’s, Neufundland und Labrador, Kanada. Er führt vorbei an herrlichen Aussichtspunkten. Aufgrund der Steigung und Distanz ist die Strecke als moderat einzustufen. Hier kann hervorragend gewandert und spaziert werden. Die Route ist am besten von Mai bis Oktober zugänglich. Hunde sind auf diesem Weg erlaubt.

Cape Spear
Trailbeschreibung

 

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